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Markus Keibel: Zu Lesen und zu Sehen - Die Welt als Chiffre Twelve evolutionary points of view, 2000 Ein Besucher steht in der Städtischen Galerie Sindelfingen und sieht einen Kreis. Er beginnt in Wiederholung die drei Worte zu lesen ... intuitiver Austausch zwischen ... Tritt er jedoch einen Schritt zur Seite, stockt der Sprachfluss und die Kreisform löst sich auf. Die abwechslungsreiche Architektur der Galerie Sindelfingen bricht den strengen Raumkubus durch kreisrunde Durchbrüche, Wandvorsprünge und tief reichendes Gebälk auf. Nur von einem bestimmten Punkt aus betrachtet, schließen sich die auf die vor- und zurückspringenden Wandpartien aufgezeichneten Kreissegmente zu einem vollendeten Kreis zusammen. Handelt es sich schlicht um ein Spiel der Perspektive, welches Räumlichkeit in Zweidimensionalität zurückversetzt - geht es um den umgekehrten Weg zu jener seit der Renaissance angewandten Technik in der Malerei, aus der Fläche heraus den Raum zu suggerieren? Ist das Ganze demnach nichts als ein optischer Trick? Ein Versagen logischer Gesetzmäßigkeiten, wo intuitiver Austausch herrscht zwischen wem und was? So viel ist zu sagen: Architektur und Betrachter sind aufeinander angewiesen. Erst der Standort des Betrachters entscheidet über das Zustandekommen des Kunstwerks. Doch wie ist es um ein Kunstwerk bestellt, wenn es relativ zum Verhalten des Betrachters entsteht? Welche Bedeutung kommt ihm zu, wenn es bei der kleinsten Wendung seine Gestalt verliert? Kunst als temporäres Gut zu begreifen, das erst im Blick des Betrachters zum Leben erweckt wird, ist so etwas wie ein alter Zopf der Moderne, Sprache hingegen beim Entstehen und Vergehen auf der Spur zu sein, ist etwas anderes. „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Der von Sokrates überlieferte Ausspruch ist ein lapidarer Satz, der die Welt gleichwohl bis heute in Atem hält. Denn wer dennoch nach einer Erklärung für die Welt sucht, wird schnell der Sinnlosigkeit dieses Unterfangens gewahr: Keine allseits akzeptierte Wahrheit, kein feststehendes Weltbild versöhnt noch länger den Abgrund zwischen Erleben und Verstehen. Man sieht das Leben und begreift wenig oder nichts. In dieser Situation bieten sich drei Verhaltensformen an: a) Man ignoriert jene Einsicht und bastelt weiter an einer wie auch immer gearteten Metaphysik, oder b) man zieht sich ähnlich wie Albert Camus auf die radikale Position zurück, die Welt als einen absurden Ort zu betrachten – frei von Sinn und Logik, aber auch ohne menschliche Wärme und Anteilnahme. Oder aber man unternimmt den Versuch c), die Welt als einen Ort zu begreifen, an dem Sinn stets aufs Neue, aber immer nur für kurze Zeit zu stiften wäre. Gerade um diese fragilen Momente, in denen Sein und Erkenntnis zur Deckung kommen, kreisen die Arbeiten von Markus Keibel. Zwischen Menschen hängt das Zustandekommen jener Übereinkünfte von vielen Faktoren ab. Eine wichtige Vorbedingung dafür ist die Sprache. Folgt man dem französischen Philosophen Jean-François Lyotard, dann besteht die einzige Möglichkeit dazu im Sich-einlassen. Wo die Sprechsituation, die Perspektive permanent wechseln, gilt es, sich von Fall zu Fall die Kompetenz zur Teilnahme anzueignen. Nichts anderes verlangt Markus Keibel in seinen Arbeiten vom Betrachter. Er bietet ihm eine Seherfahrung an, die dessen Teilhabe neu definiert. Spielt der Betrachter mit – siehe die Sindelfinger Kreise – gewinnt er Zugang zu einem neuen Wissen. Und dies intuitiv, denn noch bevor er die Schrift liest, hat er durch die Wendung seiner Augen den Kreis erzeugt. In seinen Arbeiten prüft Markus Keibel die Möglichkeiten einer „Geistigen Evolution“. Er sucht nach einer Alternative, Evolution unter anderen als rein biologischen Vorzeichen zu begreifen. Gerade weil der Mensch heute auf neuronale Reaktionen reduziert wird und die Lebenswissenschaften zunehmend den Anspruch auf alleinige Antworten vertreten, ist diese Suche eine notwendige, politische. Schon die Sindelfinger Kreise waren zurückhaltende, zeitlich befristete Eingriffe in die Räume, aber über die Wand hergeleitet und damit materiell an sie gebunden. In den folgenden Arbeiten wendet sich Markus Keibel dem Material Glas zu, zum einen weil es als transparenter Stoff den Aspekt des Reduzierten, Unaufdringlichen nahelegt, vor allem aber weil es wie kein anderer das Geistige zu verkörpern imstande ist. 2002 hängt Markus Keibel in einem Ausstellungsraum des Essener Folkwang Museums annähernd 200 Glaszylinder in der Form zweier Kegel auf, die sich kreuzen. Dies kommt einer Geste gleich, mit der der Raum über seine Grenzen hinaus geöffnet wird. Zugleich tragen die Zylinder eingravierte Zeichen, Zeichnungen und Worte. Ein Bild Albert Schweitzers findet sich genauso wie der Fußabdruck eines frühen Hominiden, aber auch einzelne Wörter wie „Mitgefühl“ oder Sentenzen wie „Alle für jeden“. Eine Welt der Signale, Aufforderungen, Anweisungen, Angebote? Wandernd bewegt sich der Besucher durch diesen gläsernen Denk-Kosmos, findet in den spiegelnden Brechungen der Glaszylinder zu Erinnerndes, viel Bedenkenswertes und stößt dabei auf einen programmatischen Satz. Im Jahr zuvor hatte Markus Keibel Ausländer in Berlin gebeten, die Frage: „Ist meine Freiheit deine Freiheit? Ist deine Freiheit meine Freiheit?“ in ihre Muttersprache zu übertragen. In der Folge wurde durch einen Übersetzungsfehler die Frage in einen Aussagesatz umgeformt: „Meine Freiheit ist deine Freiheit. Deine Freiheit ist meine Freiheit.“ Haben die beiden Sätze dadurch an Brisanz gewonnen? Wie ist es angesichts dieser Aussagen um die geistige Evolution bestellt? Kann und mag man sich in jeder Situation auf diese Sätze verständigen? Der entleerte gläserne Raum ist nichts weniger als geistig hoch explosiv. In Tennessee Williams‘ Theaterstück „Glasmenagerie“ zerbrechen am Ende die Träume und Fiktionen. Bei Markus Keibel begegnet der Besucher einer fragilen Sphäre aus Glas. Man kann darin anecken, anstoßen, man kann darin aber auch Anstöße erhalten und Einsichten gewinnen. Karen Bork |
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