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PETER SCHLÖR

Texte

 

Rede zur Eröffnung der Ausstellung "Fotografische Bildfolgen"
am 20.10.2001, 19:30 h
 
Werner Meyer, Kunsthalle Göppingen
 Meine Damen und Herren,
ich muß zugeben, ich kenne das Werk von Peter Schlör noch nicht sehr lange. Im Frühjahr 2001 fiel mir auf einem Stand von Bernhard Knaus
seine Arbeit "Buenavista" auf: eine Reihe von 4 Schwarzweiß-Photographien von ein und demselben Motiv, einem konsequent in Reihen angelegten
Wald.
 
Der Blick durch das Objektiv fokussiert genau, zentralperspektivisch angelegt diese Struktur, vier mal, und genau das fordert den Blick heraus. Der
Wald ist derselbe, nicht jedoch der Blick, das Sehen; das wechselt, erst auf den zweiten Blick erkennbar, den Standpunkt. Der Gegenstand des
Bildes ist der Wald, die Herausforderung seine sich immer wiederholende mathematische Struktur; das eigentliche Motiv der Arbeit von Peter Schlör
ist jedoch das Sehen.
Ohne Zweifel steht am Anfang die Entdeckung des Besonderen des Bildgegenstands: die präzise rhythmische Struktur dieses jungen Waldes,
die Künstlichkeit, mit der hier die Natur angelegt ist. Das alleine schon weckt das Interesse, macht das Gesehene zum Bild, läßt die Bedeutung
entdecken, die in ihm steckt. Das macht Peter Schlör durch die Perspektive deutlich: die Zentralperspektive, konzentriert im immer gleichen Baum
im Zentrum des Bildes, als Achse, auf die alle anderen Reihen wie Fluchtlinien führen. Er fokussiert den Blick durch das Objektiv so, daß alles
Landschaftliche ausgeblendet ist und der Blick sich ganz minimalistisch auf diese Struktur konzentriert. Schon auf dieser Ebene der Betrachtung
sind Wahrnehmung und Erkenntnis im Bild eingelöst. Für die Reihe von 4 Bildern kommt eine weitere Dimension der Perspektive hinzu, die der
Bewegung, der Zeit. Parallel zu dem Wald und seiner Struktur verändert der Künstler den Standpunkt der Kamera mit exakten Parametern: der
gleiche Ausschnitt, die gleiche Zentralperspektive, die gleiche Wahrnehmung und Erkenntnis der Struktur und doch nicht dasselbe Bild. Das
Besondere im Allgemeinen vom Bildgegenstand her gesehen, ist in der Struktur der vertikalen der einzig schräge Baum, der in jedem Bild um
denselben Abstand – entgegen unserer Sehbewegung entlang der Bilder – in den Bildern von rechts nach links wandert.
Die 4 Bilder treiben ein höchst präzises Spiel mit dem Sehen. Das Motiv ist: das gleiche ist nicht dasselbe, obwohl es im Bildgegenstand sich
den Anschein gibt. Es ist eine zugespitzte Formulierung um die Frage des Illusionismus in der Photographie. Das Bild ist eine Frage der Perspektive,
die so objektivierend in Szene gesetzt ist, wie das Objektiv des Photoapparates das kann. Das ist dieser bestechend nüchterne, strenge Blick,
dieses minimalistische Konzept, die Strategie des Sehens in den Bildern von Peter Schlör. Mir ist wichtig zu betonen, daß dies in dem Handeln
des Künstlers genauso liegt, wie in dem Bildgegenstand, den er festhält - in der Spannung von Ruhe und Bewegung.
Mir fällt dabei auch eine klassische Aussage Paul Cézannes ein, der sagte, daß das künstlerische Bild nicht ein Bild von der Natur, sondern ein
Bild parallel zu der Natur ist. Peter Schlör realisiert das in diesen 4 Photographien in einem wörtlichen Sinn. Genau hinzusehen, heißt erst einmal,
die Kunst beim Wort zu nehmen!
Peter Schlör ist nur sehr bedingt ein Landschaftsphotograph. Die Struktur dieses andalusischen Wäldchens ist für ihn eine auslösende Entdeckung
für die Strukturierung des Blicks als künstlerische Bildentwicklung. Und da ist es nur naheliegend, daß ich, nun parallel zu seinen Bildern, diesen
eine strukturalistische Bildanalyse hinzugefügt habe.
Der systematische Perspektivwechsel ist das Sehprinzip der zwei- und mehrteiligen Arbeiten von Peter Schlör. Das konsequente Beharren auf der
Schwarzweiß-Photographie entspricht dem konzeptuellen, strategischen Blick in die Natur. Sie betont ein graphisches Denken mit Blick auf eine
abstrahierende Dramatik von Hell und Dunkel. Den Künstler interessiert die Essenz.
Das Prinzip der Spiegelung mit dieser Dramatik von Licht und Schatten liegt in der zweiteiligen Arbeit mit dem Titel "St. Malo" aus dem Jahr 2000.
ieder liegt die Sichtweise schon in der Symmetrie des Bildgegenstands. Hell und Dunkel, Licht und Schatten, zwei Perspektiven ein- und
desselben Gegenstands, zwei Seiten, zwei verschiedene Bilder desselben Bildgegenstands, Symmetrie und Kontrast, Gegenständlichkeit und
Abstraktion, schließlich auch der motivische Kontrast zwischen Landschaft und architektonischer Skulptur ... – an diesen begrifflichen
Gegenüberstellungen können Sie, meine Damen und Herren, die Spannweite des künstlerischen Interesses erahnen, das in diesem Bildpaar
steckt. Und die kompositorische Gegenüberstellung der zwei Ansichten dieses Sprungturms am Wasser fordert – wieder ganz wörtlich und direkt
begriffen, eine solche Wahrnehmung geradezu heraus.
Natürlich hat mich diese Arbeit auch an den andren, älteren, großen Photographen in Mannheim erinnert, an Robert Häusser, an dessen Umgang
mit dem Motiv in der Dramatik von Licht und Schatten. Ich denke auch an die Photographien von Anton Stankowski, dem die Schlagschatten der
Menschen und Dinge so wesentlich waren als Metamotiv, als graphisches Eigenleben seiner Bilder. Die Arbeit "Windschatten" von 2000 weist
auch noch ein wenig in diese Richtung. Der Künstler Peter Schlör und damit sein Blick wird eins mit dem raumgreifend in die Landschaft weisenden
Schatten der Flügel von Windkraftwerken – Schotter und Wiese am Boden, und doch ändert der Horizont sich in der Perspektive kaum. Je genauer
Sie hinsehen, meine Damen und Herren, um so mehr wird Ihnen die Orientierung, das Anderssein und die Ähnlichkeit, das Gleichbleibende und die
Unterschiedlichkeit der Bilder zum Rätsel, um so mehr, als der Künstler die Zuordnung der Bilder am Horizont orientiert.
Wenn ich Robert Häusser und Anton Stankowski erwähnt habe, so auch um darauf zu verweisen, daß Peter Schlör einen anderen, einen konzeptuellen
Weg einschlägt.
Das Sehen als perspektivische Bewegung im Bild der Landschaft ist sein Thema, sein Blick durch das Objektiv seiner Kamera. Objektiv, objektivieren,
das heißt: zum Bildgegenstand, erst eigentlich zum Bild machen.
"Kiefern" von 2001 ist so eine Arbeit, die ein genaues, fragendes Hinsehen herausfordert. Hier wandert der Blick in das Motiv hinein, die Bewegung der
Kamera geht nicht parallel, sondern in die Tiefe des Bildes. Der Baum im Vordergrund des ersten Bildes verdeckt die beiden in den nächsten Bildern
folgenden: im zweiten Bild bildet der Baum dahinter dasselbe zentrale Motiv, und danach der dritte in der Reihe ins Bild. Und so wird zugleich der
Horizont interessant: Der am weitesten entfernte, frei stehende Baum wird nun gleichzeitig zur zweiten Orientierung. Der Horizont bleibt der Gleiche
und verändert doch seine Erscheinung. Die in die Tiefe sich wandelnde Perspektive bewirkt am Horizont eine Bewegung der Bäume im Bild, ein
Kommen und Verschwinden. Zwei Bewegungen kreuzen sich im Bild – vertikal in die Tiefe und horizontal, parallel zum Bild.
Zwei Arbeiten möchte ich noch streifen:
Zuerst, dreiteilig, die Photoarbeit "Plätze". Wieder ist es die Wiederkehr des immer Gleichen, das doch nicht dasselbe ist: Parknischen entlang des
Rheins Richtung Speyer, für die Spaziergänger und Angler – aber das verliert sich aus dem Bild angesichts der Konzentration wieder auf die
Zentralperspektive – die Spannung zwischen Allgemeinem, betont durch den Ausschnitt und dem Besonderen, dem Rhythmus der Variationen. Die
Suggestion dieser Reihe liegt zwischenzeitlich in der Frage: Was verändert sich eigentlich: Der Bildgegenstand "Nische im Wald" oder das Sehen,
der Blick als Motiv, objektiviert durch die Kamera.
Monet hat immer denselben Heuhaufen in unterschiedlichem Licht gemalt. Peter Schlör photographiert immer die gleiche Nische in immer demselben
Licht. Monet interessiert das erzählerische Wechselverhältnis von Licht und Farbe. Peter Schlör ist die Monochromie der schwarzweiß Photographie
bedeutungsvoll, führt sie doch mit aller Strenge des Konzepts zu diesem abstrahierenden Blick auf das ihm Wesentliche: das Offenlegen einer Struktur
– im Bildgegenstand wie in der Strategie seiner Wahrnehmung durch die Kamera, unsentimental mit der Strenge und Härte seines Konzepts des
Erkennens.
Genau dasselbe Konzept der Aufnahmen wie in Buenavista realisiert er wieder in der neuesten Arbeit mit dem Titel "14 Kastanien" entlang der
Baumallee entlang des Rheins: Baum für Baum mit denselben Parametern, die wir nun schon genügend benannt haben. Aber das Ergebnis ist
ein anderes: Die Aufnahmen verschmelzen zu einem Bild. Die Illusion wird zur Frage, weil das bewußte Sehen irritiert ist. Die Perspektive dehnt
sich vom Punkt der Kamera in die Linie der Bewegung, der Stationen vor jedem Baum. Die vielen Bilder verschmelzen zu einem. Die Brüche erkennen
wir nur, wenn wir uns genau dieser Bewegung bewußt werden. Dann wird die Systematik der Standortveränderung und damit der Perspektive zum
Thema. Und wieder lohnt es sich auch im Bild hinter den Rhythmus der Bäume zu sehen, den Horizont zu verfolgen, wie dort Bewegung, Überlappung,
Verwebung, Wiederholung zu einer anderen Geschwindigkeit, zu einem anderen Rhythmus der Bewegung führt.
Die fließenden Übergänge, den Illusionismus verdanken wir dem Computer-Bildbearbeitungsprogramm "Photoshop". Peter Schlör verwendet dieses
Gestaltungsmedium kaum merklich: zur Eliminierung aller überflüssigen Details und Störungen, womit er zu dieser bestechenden Ruhe und Strenge
seiner Bilder kommt. In dieser letzten Arbeit läßt er damit die Bildübergänge verschmelzen und erzeugt somit den Illusionismus seiner
"Breitbandperspektive" als Konzept des Blicks. Eine gewagte These: Photoshop bei der digitalen Bildbearbeitung ist so revolutionär wie im
15. Jahrhundert die Entwicklung des Illusionismus mit der Ölmalerei, die in der Kunst einen phantastischen neuen Blick auf die Realität, aber auch
ein revolutionäres Bewußtsein um das Sehen selbst ermöglicht hat, das uns noch heute und immer wieder beschäftigt – auch in einer solchen Arbeit
von Peter Schlör.
 
Peter Schlörs Motiv ist das Sehen. Die Struktur im Bildgegenstand ist der konvergente Anlaß. Beides zusammen führt zur Serie. Entscheidend ist
das Konzept: Die Realisierung einer Strategie der Wahrnehmung. Nicht das Experiment! Raum, Zeit und Rhythmus bilden in Peter Schlörs
Arbeiten ein ebenso rätselhaftes wie präzises Gefüge. Seinem Bedürfnis nach Essenz, nach dem Wesentlichen, entspricht er mit dem Purismus
und Minimalismus
seines Konzepts und der zur Monochromie tendierenden Schwarzweiß-Photographie. Dies zusammen macht wohl die Aura seiner Werke aus, die
allerdings nur denjenigen berührt, der sich noch ein Stück Konzentration und Abstraktionsfähigkeit bewahrt hat in unserer geschwätzig-bunten
Event-Dauerunterhaltungsindustrie. Im Gegensatz dazu haben die Bilder hier etwas Stilles, Konzentriertes. Ich glaube, es ist zutreffend, wenn ich
ganz unpolitisch, nur auf das Sehen bezogen, zitiere (ich glaube von Lenin war's): "Der Weg ist das Ziel."