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PETER SCHLÖR

Texte

 

Einführung Thomas Schirmböck
Leiter der Fotogalerie Alte Feuerwache, Mannheim
Zu der Ausstellung
 
Säulengänge von Peter Schlör
12.04.bis 07.06.2003
Galerie Bernhard Knaus
 
Herzlich willkommen zur Eröffnung der Ausstellung Säulengänge von Peter Schlör. Ich freue mich, dass sie hier - in dieser Galerie - mit der
eindrücklichen Kunst eines Mannheimer Künstlers konfrontiert werden. Peter Schlör ist Mannheimer, aber beileibe kein Lokalkünstler. Seine
Fühler und Einflüsse reichen weiter, und doch gelingt es uns hin und wieder in seinen Arbeiten Landschaften der Region zu erkennen. Ihre
Qualität beziehen seine Bilder aber keineswegs aus dem Lokalbezug, vielmehr aus Schlörs feinem Auge, seiner ruhigen Lust an der
Komposition und daraus, dass er uns letztendlich ein Stück auf eine Betrachtungs-Reise mitnimmt; wenn wir uns denn darauf einlassen,
ihm zu begleiten. Diese Reise setzt auf Ruhe und Gelassenheit, auf den Fluß der Zeit und den Wunsch des Menschen diesem unendlichen
Strom einzelne Momente zu entreißen.
Wohin gehen wir denn, wenn wir fortschreiten? In Zeiten wie diesen, da Kriegs- und Krisenszenarien in unseren Alltag dringen, stellen wir
ja schon gelegentlich die Kraft der menschlichen Entwicklungsfähigkeit in Frage. Was heute - unter den oben angerissenen massiven
Ereignissen zu einem kurzen Innehalten führen mag, hat der Mannheimer Fotograf Peter Schlör in seiner Ausstellung "Säulengänge" zu
einem höchst ästhetischen Tableau verdichtet, das die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit und die Geschwindigkeit mit der wir uns
durch die Welt bewegen auf das Tempo des Schreitens reduziert. Seine fotografischen Reihen, die um die Themengruppen Bäume und
Tempel kreisen, stellen in ihrer kontemplativen Ruhe und dem manchmal beinahe unmerklichen Wechsel der fotografierten Objekte
unsere Aufmerksamkeit als Betrachter auf die Probe. Manche seiner Arbeiten erinnern in der ersten Anmutung an vergrößerte Streifen
von Super-8 Filmen, andere an verrätselte Naturschilderungen. Gemeinsam ist allen jedoch die beinahe völlige Abwesenheit des Menschen,
der nur gelegentlich und dann sehr reduziert in Erscheinung tritt. Der Mensch hat in Schlörs Arbeiten gegenwärtig auch nicht viel verloren.
Zwar sind etwa Alleen in Kulturlandschaften oder die Säulenreihen antiker Tempelruinen Ergebnis der Inventionsfreude unserer Gattung
und ihres Strebens nach Vollkommenheit. Doch die erzielten und von Schlör aufgezeichneten Ergebnisse dieses Tuns zeugen vor allem von
der rhythmischen Schönheit dieser gleichermaßen natürlichen wie artifiziellen Körper.
 
Seit Jahren schon beobachtet Schlör, welche Bedeutung die gestaltete Natur für seine Wahrnehmung als Fotograf hat. In seiner Arbeit
"Kiefern 5" etwa, nähert sich die Kamera in fünf Stationen einem vertikal aufragenden Stamm. Erst die Reihung der Arbeiten macht es dem
Betrachter begreiflich, dass dieser Stamm nicht nur nach oben strebt, sondern sich zugleich dem Betrachter zuneigt. Diese Neigung, die erst
durch die vom Künstler gewählten Zwischenschritte erfahrbar wird, erweitert die strenge grafische Gestaltung der Arbeit um eine durchaus
bedrohliche Komponente. Der Stamm scheint uns entgegen zu fallen. Nicht der beinahe unveränderte Hintergrund, nicht der makellose
sommerliche Himmel oder die am Horizont aufscheinende bukolische Landschaft, sondern das annähernd Unsichtbare wird Zentrum des
Geschehens. Die Reihungmit ihren beinahe stereotypen Ausschnitten, die Schritt für Schritt dem Objekt entgegen rückt, erfährt durch die
nachvollziehbare Beobachtungsfreude des Künstlers eine Ausweitung. Diese einfache und stille Umsetzung dynamisiert etwas zutiefst Statisches:
die Koordinaten beginnen sich zu verschieben. Diese Ausdehnung von Wahrnehmung ist auch in der neunteiligen Arbeit "Agrigento 9" evident.
Auf den ersten Blick präsentiert Schlör in dieser Arbeit eine Reihe identischer Säulen als Miniaturen. Das Miniaturenmotiv verweist - wie das Thema
der antiken Tempel selbst - auf die Leporelli der Bildungsreisenden vergangener Tage. Dieser bedienten sich die Touristen um die nicht selbst
festzuhaltenden Eindrücke am Reiseort käuflich zu erwerben, und sie sodann getrost mit nach Hause tragen. Peter Schlör schlägt in seiner
Aufzeichnung eine Brücke in die Vergangenheit. Indem er die strenge Ordnung und schlichte Perfektion griechischer Säulenordnungen in den
Mittelpunkt rückt, konzentriert er die Aufmerksamkeit gleichzeitig auf die Umgebung der zentralen Motive. Diese verschiebt sich ganz allmählich in
äußerst kleinen Schritten. Die Verschiebung der Umgebung bestätigt unsere Beobachtung, dass die Säulen nebeneinander stehen. Umgebung und Säule,
Vordergrund und Nachgeordnetes, dienen als ein dokumentierendes Medium in dem Sinne, dass sie uns nachdrücklich darauf stoßen, unseren
Sinneswahrnehmungen zu trauen. Die Säulen selbst erinnern mit ihren rohen Kannelierungen und den unterschiedlichen Erosionsschäden an
jene Bäume, die er in "Schafweide" in ähnlicher Reihung aufgenommen hat. Was bei "Agrigento 9"  jedoch das Trennende fixiert, nämlich die
mittig gestellten Säulen, erweitert  die Bildräume gleichzeitig in das jeweils benachbarte Bild hinein. Wie groß mag die nun unsichtbare Lücke
zwischen den einzelnen Bildern wohl sein? Wir sehen die Schatten der benachbarten Säule noch ins Bild ragen und bleiben doch ohne Antworten.
Wüßte ich nicht, dass es Schlör gewiß nicht um pädagogische Impulse geht, wäre ich versucht zu sagen, dass uns des Künstlers Arbeit hier in dieser
Werkgruppe eine Schule des Sehens anbietet.
 
Diese ausgesprochen feinsinnige Betrachtung und Fixierung des Unsichtbaren variiert Schlör in "Schafweide". Durch die Montage von sieben
Einzelaufnahmen erzeugt er das Panorama einer Wiese, das durch acht Baumstämme scheinbar in einzelne Sichtfenster gegliedert wird. Durch
diese zieht von links nach rechts eine endlos erscheinende Schafherde, bewacht und beaufsichtigt von einem versteckten aber anwesenden
Schäfer. Schon in Weidegang hatte Schlör das Motiv der ziehenden Schafherde aufgenommen. Die Veränderungen, die sich in seinem Werk in
den letzten Jahren herausgebildet haben sind nicht zuletzt auch ein Ausdruck der Veränderung unserer Welt. Wo es ihm dienlich ist integriert der
Künstler die zeitgemäßen Technologien, wo ihm die Welt entgegentritt nimmt er sie in ihren feinen Veränderungen auf. Schlör bleibt an seinen
Themen, nicht weil er ein konzeptuell arbeitender Künstler ist, sondern weil sich in seiner Arbeit neue Qualitäten ausbilden. Diese Verfeinerung findet
durchaus auch in der Verkleinerung der gewählten Bildgröße seinen Ausdruck. Wer Stille aushalten kann, mag in Schlörs fotografischen Arbeiten
suchen und Ruhe finden. Schnell sind sie nicht, laut ebensowenig, und mittlerweile werden sie auch immer kleiner. Radikaler kann die Kritik an der
lauten und bunten Bilderwelt der zeitgenössischen Fotografie kaum sein.