- Die Stadt auf dem Berge
- El Grecos Ansicht von
Toledo und Peter Schlörs Mistretta, 2007
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- Die Stadt auf dem Berge ist dem Himmel scheinbar immer ein
Stück näher. Sie bleibt den Menschen nicht verborgen und ihr Licht leuchtet
weithin. Natürlich hatte es vor allem strategische Gründe, eine Stadt auf einem
Berg zu bauen, doch kann ihr Anblick zum Symbol von geradezu religiöser
Intensität werden: das Irdische bestürmt das Höchste.
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- Toledo
- Als El Greco kurz nach 1600 die Ansicht von Toledo malte, war die Stadt zwar seit 40 Jahren nicht
mehr königliche Hauptstadt, Philipp II. verlegte sie nach Madrid, doch bis
heute Sitz des Primas von Spanien, des ranghöchsten Bischofs der spanischen
Kirche. 1577 kam El Greco, „der Grieche“, aus Rom in die Stadt hoch über dem
Tejo und malte hier bis zu seinem Tode 1614 im Auftrag der Kirche und des
Hochadels. Auf seiner Ansicht von Toledo
ist von der Stadt gar nicht so viel zu sehen (Abb. #). Am rechten Rand erhebt
sich das Schloss auf dem höchsten Punkt des Berges, übertroffen allein von der
Spitze des tiefer gelegenen, aber hoch aufragenden Turms der Kathedrale. El
Greco gibt uns eher eine Stadtsilhouette, denn eine Ansicht der gesamten Stadt.
Bis hinunter zum Fluss, dessen Querung Toledo durch eine turmbewehrte Brücke beherrscht,
zieht sich nur eine Reihe von Gebäuden, Wehrbauten, Stadtmauern, Türmen, die
halb von den Hügeln verdeckt werden. Die eigentliche Stadt mit ihrem Weichbild
müsste sich rechts hin anschließen. Der Maler präsentiert in dem leicht
hochformatigen Bild Toledo wie ein Kronenband des Berges: Die Gebäudekette
markiert den höchsten Verlauf des Stadthügels, der gegen eine entfernte, aber
nahezu mittige Erhebung steht. In kunstvoller Verschränkung der Höhen bettet
der Künstler diesen Hügel in die Landschaft Kastiliens ein. Dramatisch verengt
sich diese Landschaft in zwei gegenläufigen Schwüngen einmal auf die Brücke
über den Fluss zu, um sich dann zu ihrem spannungsreichen Höhepunkt auf dem
Hügel, dem Konzert von hochgelegenem Palastblock und wenig höherragener
Kathedralnadel, aufzuschwingen, der seinerseits von einer stiebenden
Wolkengloriole im düsteren Dunkelkranz überhöht ist.
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- Als dramatisch wird die ganze Koposition der Stadtansicht
erlebt und dramatisch ist die Stimmung, mit der Toledo im zerrissenen Hell-Dunkel
eines Gewitters aufleuchtet. Und dramatisch bedeutet, dass die Gegebenheiten
nicht in der Sicherheit ihres bloßen Vorhandenseins ruhen dürfen, sondern stets
konstrastiert sind: der mächtige Palast durch den filigranen Kathedralturm, der
Stadthügel am rechten Rand durch den fast unbebauten Hügel in der Bildmitte,
die aufsteigende Linie der Stadtbefestigung durch ein gegenüberstehendes
vieltürmiges einzelnes Kastell, das Schwarz der Gewitterwolken durch die
grell-hellen Konturen der Gebäude und durch helle Wolken gleichzeitig. Dieses
Kontrastieren bewirkt eine ständige Konkurrenz der Bildelemente untereinander.
Das Leuchten in den Wolken und die Schwärze des Gewitters scheinen sich
kämpfend ausschließen zu wollen. Geradezu ein Stück ungegenständlicher
expressiver Malerei hat El Greco hier in diesem Bildhimmel verwirklicht. Die
hellen Kanten und Konturen der Gebäude umschließen schwarze Fenster und Tore
und man kann nicht sicher sein, ob die Szenerie nicht gleich blitzartig ganz
verschwindet - so körperlos und geisterhaft erscheint die festgegründete,
ruhmreiche Stadt Toledo. Der eigentliche Bildheld ist jedoch dieser Himmel mit
seinen Erscheinungen. Von ihm scheint Weh und Wohl der Stadt und der Erde
abzuhängen. Er kündigt Weltuntergang und den Glanz des neuen Lebens an.
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- Wohl jeder kennt den apokalyptischen Schauer, den die
Urgewalt eines Gewitters mit sich bringen kann, weil man das irrationale Gefühl
nicht los wird, es könne einen selbst meinen: „wegen mir wütet der Himmel, ich
soll vernichtet werden“. In El Grecos Bild sind Triumph und Todesdrohung so
sehr ineinander verwoben, wie es vielleicht typisch ist für das Lebensgefühl
des mit El Greco heraufdämmernden Barocks. Der Mensch erlebt die Großartigkeit
des Lebens stets als einen vom Tode bedrohten Abglanz des Himmels.
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- und Mistretta
- Anders als Toledo ist Mistretta eine eher bescheidene,
kleine Landkommune, nicht allzu weit von der Provinzhauptstadt Messina und
durchaus malerisch an der Nordküste Siziliens gelegen. Fast 400 Jahre nach El
Greco reist Peter Schlör mit seinem „Bildauge“, der Kamera, durch Landschaften,
und nimmt auf, was ihm reizvoll und bildwürdig erscheint - so auch Mistretta.
Die Motivation, ein Bild zu machen, hat sich also stark verändert: Hatte eine Ansicht von Toledo für El Greco eine
gewisse Zwangsläufigkeit, auch sein eigenes Leben von genau diesem Himmel
abhängig zu wissen, so ist Mistretta nicht Peter Schlörs Stadt, sondern ein
Motiv, das der Mannheimer sich allerdings frei und nach künstlerischen
Gesichtspunkten selbst sucht.
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- Diese freieren Verhältnisse des Künstlers schlagen sich in
seinem Bilde in einem distanzierten Blick nieder. Zwar befindet sich der
Standort des Sehens innerhalb der sich bis zum unteren Rand erstreckenden
Stadt, doch Schlör schafft zugleich einen schier unüberbrückbaren Abstand,
indem dieser Ort über den in tiefes Dunkel getauchten Dächern der sich unter
uns herschiebenden Häusern zu schweben scheint. Zudem reduziert er das
eigentliche Bild der Stadt auf ein schmales Band, das er durch die besondere
Wahl der Tageszeit hervortreten lässt: nur der höchste Grat der Stadt ist in
helles Sonnenlicht gehoben,dahinter steht unvermittelt eine tiefschwarze
Hügelkette und nach vorne bricht der helle Stadtstreifen ebenso plötzlich in
den Abgrund der tiefen Dachlandschaft ab. Jener unterste Streifen, über dem
sich das Auge zu befinden scheint, bietet kompositorisch mit der Ausrichtung
der Dächer auf die Mitte und Tiefe des Bildes einen Einstieg in das Bild
hinein. Doch ein zweiter Streifen mit blockartig entgegenstehenden Häusern
grenzt die helle Stadtsilhouette dahinter wiederum rigoros nach vorn ab,
dazwischen ist undurchdringliche Schwärze: es gibt durch die Stadt keinen
imaginären Weg dorthin.
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- Während El Greco den Blick auf die Ansicht von Toledo in Schrägen kreuz und quer über das Bild führt,
wählt Peter Schlör einen horizontal streng geschichteten Aufbau seines Bildes.
Hatte der barocke Meister schon durch das leichte Hochformat eine
Zusammendrängung des Stadtbildes zu einem höchst dramatischen und unwirklich
erscheinenden Ausschnitt mit geradezu nervösem „Faltenwurf“ der Blicklinie
erreicht, so breitet Peter Schlör sein Stadtpanorama in größter Ruhe, ja Stille
aus. Die kompositorischen Entgegensetzungen führen in El Grecos Malerei eher zu
einem Auseinanderdriften der Bildelemente. Diese Zentrifugalkräfte relativieren
zugleich das Bildsubjekt, das sich nicht sammeln kann, sondern ständig erneut
umhergeschickt wird. Zwar ist auch Peter Schlörs Fotografie von starken
Kontrasten, vor allem einem eindrucksvollen Hell-Dunkel, geprägt. Von tiefstem
Schwarz in größeren Quantitäten bis zu sparsam gesetztem hellstem Weiß reicht
seine Palette. Doch gerade die Unbegehbarkeit der Schichtenkomposition seiner
Stadtansicht von Mistretta fokusiert das Bildsubjekt in hohem Maße. Das Betrachterauge
kann sich mit dem Kameraauge gleichsetzen. Gerade weil der Blickstandpunkt
örtlich im Bild nicht zu klären ist, ist der Blick in die Ferne, auf die
Silhouette der Stadt, die Schlör uns als Sonnenstreif gewährt, konzentriert.
Der Himmel ist hier nicht Bildheld, sondern seine dezente Wolkenformation
betont formal das Kastell auf dem Berg als linkes Gewicht zur hellsten Stelle
eines Blockbaus im Sattel der hellen Stadtsilhouette rechts.
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- Bei Peter Schlör ist die Komposition ein Mittel der Bildabstraktion:
im Bild werden Land und Stadt zu einem ästhetischen Phänomen, das sich uns
darbietet. Dieser ästhetische Blick kennzeichnet immer schon „Landschaft“, auch
„Stadtlandschaft“, als ein Kulturphänomen des Bildblicks - wer vom Land oder in
der Stadt lebt, sieht sie noch nicht ästhetisch - doch erst in der Moderne
setzt sich dieser Blick und mit ihm das blickende Subjekt vollends souverän.
Aus Reisenden, die unter Mühsal von einem Ort zum anderen kommen müssen, werden
Touristen, die auf ihrer Tour das Fremde um des Erlebnisses willen aufsuchen –
und sie, die Touristen, machen seitdem die Bilder, und nicht mehr die
Involvierten, die Bewohner.
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- Im Zeitalter der entwickelten Digitalfotografie stellt schon
Peter Schlörs Entscheidung für das Schwarz-Weiß-Bild weniger eine Reminiszenz
an klassische Anfangszeiten dar, als vielmehr eine Wahl für die Abstraktion und
damit ein Akt der Selbständigkeit. Der Künstler führt diese Souveränität über
die zum Bild gewordene Ansicht zudem noch einmal exemplarisch vor, indem er das
Bild in einen etwas dickeren und größeren weißen Objektrahmen einschließt, und
einen zweiten gleichen daneben hängt. Dieser lässt an entsprechender Stelle nur
einen kleinen Ausschnitt aus dem Stadtpanorama frei. Schon in der Gesamtansicht
arbeitet Schlör durch die Beleuchtung, die nur einen schmalen Streifen Stadt
zum eigentlich sichtbaren Stadtbild macht, mit einem Ausschnitt. Dieses Konzept
wird in der Doppelung noch einmal als künstlerische Maßnahme betont. Über die
Distanz der weißen Fläche hinweg vergleicht man nun diese kleine, markante
Häuseransammlung mit der Gesamtansicht. Auch dieses Bildchen ist eine
vollgültige Komposition. Gerade im Medium der Fotografie wird durch diese
Wiederholung das Bild als eine Art „Fenster in der Wand“ in Frage gestellt – es
ist vielmehr verfügbar, hergestellt und nicht naturgegeben.
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- Auch in Schlörs Mistretta ist die Bildwelt ständig bedroht:
der Sonnenstreifen ist ein vorübergehendes Lichtphänomen und ist durchsetzt von
tiefschwarzen Schatten. Die Schwärze des Bildes, gleichsam das Nicht-Bild, ist
wie der stets lauernde Tod. Doch anders als El Grecos Gemälde, das einen schon
barocken Grundzweifel am Bestand allen Irdischen formuliert, begegnet das
spätmoderne Bild Peter Schlörs als Bewältigungsformel für die Flüchtigkeit der
Welt.
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